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 Prof. Albrecht von Massow über die Kammeroper Das Laboratorium mundi des Herrn Agrippa (Libretto Astrid Vehstedt, Musik Ludger Kisters):

 "Theologie, Empirismus, Sozialismus und Marktfundamentalismus haben miteinander gemeinsam, daß sie Systembildung als Fremdnötigung ausgeben. Sie setzen somit auf Heteronomielegenden, um sich auf sie als Grundlage für Machtausübung berufen zu können und damit das Subjekt als jene Instanz zu umgehen, die allein jene Nötigung zu verantworten hat und - wenn sie jene Nötigung als Vermögen aus Freiheit erkennt - allein imstande ist, Fremdnötigung als Legitimation für Machtausübung zu widerlegen. Ein nicht nur diesbezüglich interessantes Bühnenwerk im Blick auf theologische Heteronomielegenden ist das Schauspiel Das Laboratorium mundi des Herrn Agrippa von Astrid Vehstedt mit Musik von Ludger Kisters. Unter anderem repräsentieren in der 1. Szene ostinat gespielte Tonreihen, wie sie als präkompositorische mathematische Grundlage aus dodekaphoner und serieller Musik bekannt sind, die Ebene des Gesetzes. Das Dialoggeschehen im Stück kulminiert unter anderem in einem Ausspruch von Martin Luther, demzufolge der Mensch von Geburt an eine Sau sei. An beides - an die musikalische Repräsentation der Gesetzesebene wie an Luthers Ausspruch - könnte man die Frage stellen, als was der Mensch denn nun zu sehen ist. Denn als Tier verfügte der Mensch nur in äußerst beschränktem Grade über einen freien Willen sowie über das Vermögen der Selbstgesetzgebung. Die historisch verbürgte Kontroverse zwischen Luther und Erasmus von Rotterdam zeigt, daß Luther hier nicht nur in seiner gewohnt rustikalen Sprache eine abfällige Bemerkung über das Verhalten vieler Menschen machte, sondern tatsächlich in dieser Frage äußerst konservativ war, nämlich dem Menschen diese Vermögen weitgehend absprach, weswegen der Protestantismus zumindest in dieser Hinsicht nicht als Vorläufer der Ersten Aufklärung gelten kann; und diese Hinsicht ist nicht unwesentlich bei allen heutzutage so grundsätzlich und teilweise auch erbittert geführten Kontroversen um Verantwortung...

Dabei führt die Musik Kisters´- wie immer auch der Komponist selbst darüber dachte - mit jeder Note eine Entscheidung in dieser Frage herbei. Denn alles in ihren systemischen Grundlagen, ob als Notation oder als mathematische Tonreihenkomposition, ist 'Menschenwerk', entspringt also dem menschlichen Vermögen zur Selbstgesetzgebung wie auch zur kritischen Thematisierung einer solchen Selbstgesetzgebung. Solche kritische Thematisierung findet beispielsweise in der mehrfach herausgehoben gespielten Quarte, welche geradezu signalhaft auf die systemisch geordnete Tonwelt, aus der sie kommt, verweist, während im Hintergrund leise liegenbleibende Töne bzw. Tongemische zu hören sind, welche keinen Ordnungscharakter hervorkehren, sondern vielmehr alsbald in ein Tongewirr eskalieren. Ähnlich verhalten sich die die Hintergrundklänge auf der Tonspur zu Beginn und am Schluß des Stücks zur Vordergründigkeit der Instrumentalklänge."

 

Albrecht von Massow, Die unterschätzte Kunst: Musik seit der Ersten Aufklärung, Köln 2019, S. 320

 

 

Prof. Dieter Mack über Ludger Kisters:

„Sein Interesse an elektroakustischen Verfahren und multimedialen Kompositionen verweist zunächst auf genreübergreifende Ideen, die immer
von einer sehr persönlichen und äußerst differenzierten Konzeption geprägt sind. Dabei sprechen sie den Betrachter/Zuhörer immer direkt an, ohne jedoch in vordergründige Plattitüden zu verfallen. (...) Die kreative Auseinandersetzung mit Musiken und Musikern anderer Kulturen scheint eine weitere wesentliche Facette seines künstlerischen Credos zu sein. So arbeitete er in Neuseeland mit traditionellen Maori-Instrumenten und Musikern dieses Kulturraums. Er lernte dort weiterhin den indonesischen Komponisten Dody Satyaekagustdiman kennen und beschäftigte sich in der Folge auch mit Aspekten der indonesischen Kultur. Allein, dies führte nicht zu einer „Patchwork-Musik“ mit neokolonialistischer Attitüde oder zu einer Mentalität des freien Bedienens im Supermarkt der Musiken der Welt. Kisters ist sich dieser Gefahren sehr bewusst und schafft es, all diese Problemstellungen immer wieder kongenial zu transformieren, um seine eigene künstlerische Welt entstehen zu lassen.“

 

Dieter Mack in: Sönke Kniphals (Hrsg.): Regionale 1. Stipendiatinnen und Stipendiaten des
Landes Schleswig-Holstein, Kiel 2012

 

Ludger Kisters über In between, and further:

 „In between and further beschäftigt sich mit dem Spannungsverhältnis von Instrumentalmusik und elektroakustischer Klanggestaltung. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie sich Berührungspunkte der gegensätzlichen Pole künstlerisch verwirklichen lassen, ohne die spezifischen Eigenschaften der jeweiligen Komponenten zu vernachlässigen. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, die Einzigartigkeit, welcher jeder instrumentalen Interpretation innewohnt, mit der Flexibilität der Live-Elektronik zu kombinieren. So wird die elektroakustische Klangbearbeitung dem Instrumentalspiel entsprechend in jedem Konzert gewisse Unterschiede aufweisen. Andererseits lag es mir fern, auf komplexe, bis in Detail auskomponierte elektroakustische Ereignisse verzichten zu wollen, so dass auch ein vierkanaliges Tonband Teil der Komposition wurde.

In between and further bezieht sich aber nicht nur auf die Berührungspunkte von Instrumentalspiel und Elektroakustik, sondern auch auf Übergangsbereiche spektraler Art: Akkorde verdichten sich zu komplexen Obertonspektren und werden so als Einzeltöne hörbar. Auch aufgenommene Klänge wurden dementsprechend bearbeitet; es handelt sich dabei neben Flötenklängen um verschiedene außereuropäische Instrumente wie Oz Komuz, kirgisische Maultrommel, und traditionelle Maori-Instrumente wie Mirimiri, geriebene Steine, Hue puru wai, wasserimitierende Kalebassenklänge, und Roria, eine hölzerne Maultrommel. In Verbindung mit virtuellen Instrumenten und Klangsynthese entsteht ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht, das Wahrnehmung und Sinngebung von Klang und Raum im interkulturellen Kontext thematisiert.“

 

Ludger Kisters, in: Neue Zeitschrift für Musik, 3/2006, S.53f

 

In between, and further wurde, interpretiert von Carin Levine and David Alberman, veröffentlicht auf der CD Neue Horizonte des via nova, querstand-Verlag.